SILENTPLAY TARVIS

 

 

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Markt


Ich komme ursprünglich aus Neapel und bin mit dem Zug nach Tarvis gekommen. Das Erste, was ich hier gesehen habe, waren die Bäume. Ich hatte damals meinen Onkel Mascia hier in Tarvis, und deshalb sind meine Schwester und ich geblieben, um ihm ein wenig zu helfen.

Mein Vater stammte aus San Daniele, und auch ich bin dort geboren. Gemeinsam mit meinem Großvater führten sie dort eine kleine Fabrik. Außerdem besaßen sie ein Geschäft in San Daniele, und da es zwei Brüder waren, entschied sich der eine für das Geschäft, während mein Vater sich fuer den transport entschied. So kam er regelmäßig mit dem Lastwagen in die Gegend und arbeitete tageweise in Pontebba, Ugovizza, Malborghetto, Cave und Fusine. Die Kundschaft versammelte sich dabei häufig auf dem Hauptplatz, der einst der historische Sitz des Wochenmarktes war. Dort spielte sich das wirtschaftliche und soziale Leben eines großen Teils der Umgebung ab. Später entschloss er sich ebenfalls, hier sesshaft zu werden, da es deutlich rentabler war. Eines Tages verlegte die Gemeinde den Markt schließlich auf den Platz weiter unten in die Via Vittorio Veneto.

Damals zählte der Markt bereits 60 bis 70 Stände – eine beachtliche Größe, die sich im Laufe der Zeit zu den heutigen 106 entwickelt hat. Als ich selbst dazukam, wurde der Markt schon täglich abgehalten, das war bereits um 1960. Ich war noch ein Junge, gerade einmal 13 Jahre alt. Der Arbeitstag begann mitten in der Nacht: Um zwei Uhr musste man auf die zugewiesene Stelle, um die Verkaufsstände aufzubauen. Oft lag dort meterhoch Schnee – und Schnee fiel damals reichlich –, sodass zunächst geschaufelt werden musste, bevor man die Stände errichten konnte. Denn die ersten Kunden trafen schon zwischen drei und vier Uhr morgens ein. Viele Eisenbahner kamen über die Via Dante hinunter zum Markt und kauften alles, was sie finden konnten. Besonders erstaunlich war für uns, wie viele Puppen sie erwarben. Damals war es nämlich Mode und das auch in Österreich, eine Puppe in die Mitte des Ehebettes zu setzen. Neben Puppen gehörten auch doppelte Wolldecken, Schuhe und Handschuhe zu den begehrtesten Waren.
Die sogenannten „Straccioni“ waren Kunden, die versuchten, die Zollgebühren zu umgehen. Sie kamen in abgetragenen Kleidern über die Grenze – und dann kauften sie neue Kleidungsstücke, die sie dann übereinander anzogen, manchmal sogar sechs oder sieben Teile. Bei den Schuhen war das schwieriger, da konnte man natürlich nur ein Paar tragen. Am Ende mussten sie dann meist nur einen kleinen Teil an Zoll bezahlen. Ähnlich war es auch bei uns: Wenn wir Schokolade einführen wollten, durften wir offiziell nur eine Tafel mitbringen. Oder auch bei den Zigaretten – die haben wir uns ebenfalls von der anderen Seite der Grenze geholt.
Unsere Marktstände waren damals noch sehr einfach aufgebaut: vier Pfosten, darüber Wellblechdächer, und große, mit Blech verkleidete Kisten, in denen ein Teil der Waren aufbewahrt wurde – natürlich mit Vorhängeschlössern gesichert. Erst um 1970 herum, wenn ich mich richtig erinnere, begannen wir, die ersten Rollläden einzubauen. Doch vieles blieb ursprünglich: die Kieswege, die Holzpodeste – all das gehörte einfach dazu und machte den besonderen Charakter dieses Ortes aus.

Man nannte diesen Bereich damals „Shanghai“ Der Grund dafür war die lebendige Atmosphäre: bunt, laut, voller Stimmen und Eindrücke – ein Ort voller Leben und ein wenig chaotisch, aber gerade deshalb so besonders und pittoresk.

Dann kamen wir in die 2000er-Jahre und etwa 2008 wurde beschlossen, den Markt zu überdachen und mit einer eigenen Heizung auszustatten. Das hat das Leben hier grundlegend verändert. Auch die Art des Handels hat sich gewandelt: Früher, als der Markt noch offen war, gingen viele Händler im Winter in den Süden, weil es kaum möglich war, die kalte Jahreszeit im Freien zu überstehen. Denn tatsächlich arbeitete man damals praktisch unter freiem Himmel. Mit der neuen, geschlossenen Struktur hat sich der Betrieb auf das ganze Jahr verteilt. Die Menschen kommen nun auch im Winter gerne hierher – und der Markt ist insgesamt lebendiger geworden.
Heute ist die meist gefragte Ware vor allem Kleidung – insbesondere Jeans und Freizeitmode. Die Kundschaft ist sehr vielfältig. In letzter Zeit habe ich bemerkt, dass wieder viele junge Menschen kommen, und zwar aus ganz Europa: aus den Niederlanden, aus der Schweiz, sogar viele aus Malta. Aus Österreich werden ganze Reisebusse organisiert, die zum Einkaufen nach Tarvis kommen. Und genau darin liegt eine der großen Stärken dieses Ortes: Haben Sie schon einmal versucht, in einem großen Geschäft in einer Stadt einen Verkäufer zu finden? Oft ist das gar nicht so einfach. Hier in Tarvis ist es genau umgekehrt: Viele Menschen kommen gerade deshalb hierher, weil es noch den direkten Kontakt zwischen Verkäufer und Kunde gibt. Dieser persönliche Austausch macht den Unterschied – und verleiht dem Einkaufen hier eine ganz besondere Atmosphäre.

Ich habe da mal eine sehr interessante Sache gelesen und zwar, dass in Amerika die Figur des sogenannten „Beraters“ entstanden ist. Das hat mich ein wenig zum Schmunzeln gebracht, denn bei uns war das eigentlich schon immer selbstverständlich. Unsere Kundschaft kam oft gerade deshalb zu uns, weil sie wusste, dass wir unser Handwerk verstehen und genau wissen, was wir tun. Ich zum Beispiel hatte ein kleines eisernes Schuster Dreibein, mit dem ich Nähte bearbeiten, Schuhe weiten und viele kleine Anpassungen vornehmen konnte. Und genau das ist entscheidend: Wenn jemand zu mir kommt und etwas sucht, erkenne ich oft schon, was dieser Fuß braucht – und kann entsprechend beraten. Ich kann Hinweise geben, Empfehlungen aussprechen und Lösungen anbieten. Genau das lässt die Menschen sich ernst und wahrgenommen fühlen. Das ist ein schönes Gefühl – für beide Seiten oder nicht?


1. Benvenuti al Museo della macchina da scrivere!