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Via Roma


Wir befinden uns hier in Tarvis, dem Hauptort des Kanaltals. Das Kanaltal ist ein sehr schmales Tal, das sich über etwa 30 Kilometer erstreckt. Es liegt im äußersten Nordosten Italiens und ist das letzte Tal auf italienischem Gebiet, bevor man die heutigen Grenzen zu Österreich und Slowenien erreicht. Wir Bewohner des Kanaltals sagen gerne von uns, dass wir die ersten Europäer Europas sind, denn in unserem Tal wurden seit jeher die grundlegenden Sprachen des alten Kontinents gesprochen: die romanische, die deutsche und die slowenische Sprache. Diese kulturellen Realitäten sind heute durch Grenzen getrennt, die jedoch bis 1918 nicht existierten, da wir – ebenso wie Teile Kärntens und Sloweniens – zum Österreichisch-Ungarischen Reich gehörten. Wenn wir nun zum Beispiel die Via Roma entlanggehen, sehen wir auf der rechten Seite mehrere historische Gebäude, deren Architektur deutlich den Einfluss der österreichisch-ungarischen Zeit erkennen lassen. Auf der linken Seite sehen wir hingegen eine Reihe von Gebäuden, die später errichtet wurden und den Wandel der nationalen Zugehörigkeit unseres Tales deutlich widerspiegeln. Wenn ich von diesen alten Geschichten erzähle, muss ich immer an meinen lieben Vater denken, der 1912 geboren wurde. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Jahr 1918, wurde das Kanaltal Italien angegliedert. Er besuchte in den ersten Jahren der Angliederung die Grundschule und erinnerte sich daran, dass die einzige wirkliche Neuerung darin bestand, dass eines Tages eine neue, sehr gute Lehrerin aus Julisch Venetien kam. Der Unterricht fand weiterhin auf Deutsch statt, allerdings wurde Italienisch als Fremdsprache eingeführt. Diese Situation blieb bis zum Jahr 1923 so bestehen. Aber dann, mitten im Schuljahr, verschwand eines Tages die geliebte Lehrerin plötzlich, und ein neuer Lehrer kam in die Klasse. Dieser sagte zu den Kindern: „Ab heute wird nur noch Italienisch gesprochen.“ Damit begann faktisch die Phase der Italianisierung des Kanaltals.
Leider führte diese Entwicklung schließlich bis in den Oktober 1939, als sich Mussolini und Hitler in Berlin trafen. Hitler hatte bereits Polen überfallen und benötigte Soldaten für die Front. Mussolini hingegen erklärte, dass er den Bewohnern des Kanaltals und auch den Südtirolern misstraue, da sie – seiner Meinung nach – keine „echten“ Italiener seien. Daraufhin unterschrieben sie ein Abkommen, das der Bevölkerung des Kanaltals, die nicht italienischer Muttersprache war, die Möglichkeit gab, selbst zu entscheiden,ob sie gehen wollten.
Damals waren etwa 90 % der Bevölkerung deutschsprachig, rund 7 % slowenischsprachig und nur etwa 3 % sprachen Italienisch beziehungsweise Friaulisch. Die Familien konnten also wählen: Der Familienvater musste ein Formular unterschreiben, mit dem er sich dafür entschied, die Grenze zu überschreiten. Allerdings mussten die Menschen vor ihrer Abreise ihren gesamten Besitz verkaufen. Österreich existierte zu diesem Zeitpunkt nicht mehr – das Gebiet gehörte bereits zum Dritten Reich. Auf der anderen Seite stand nun also Hitler, der versprach: „Kommt zu uns – ich gebe euch sofort Arbeit und ein Haus.“ Man kann sich leicht vorstellen, zu welchen Spannungen und Diskussionen es damals in den Familien kam. Leider ist bei uns etwa 90 % der Bevölkerung auf dieses Versprechen – oder sagen wir besser: auf diese Täuschung – eingegangen und hat das Tal verlassen. Während des Zweiten Weltkriegs und auch unmittelbar danach gab es hier viele leerstehende Häuser, die von denjenigen zurückgelassen wurden, die sich für die Auswanderung entschieden hatten. Mein Großvater väterlicherseits hatte hier in Tarvis ein Bauunternehmen. Er sagte damals: „Bevor ich unterschreibe, möchte ich sehen, was mir Hitler anbietet”. Er fuhr tatsächlich in das ehemalige Österreich und kehrte begeistert zurück: „Ich habe das Anwesen gesehen, das mir Hitler geben würde." Daraufhin entschied er sich zu gehen. Als jedoch der entscheidende Tag kam, an dem er unterschreiben sollte, fragte ihn meine Großmutter: „Willst du wirklich gehen? Und er antwortete: „Ja, ja, sicher, wir gehen.“ Doch sie sagte: „Wenn du gehen willst, dann geh. Ich bleibe hier.“ Und so sind wir geblieben. Unsere Familie gehört daher zu den wenigen, die das Kanaltal nicht verlassen haben.


1. Benvenuti al Museo della macchina da scrivere!